Gasthof zur Post

 


aus der Geschichte der Familie Bruning Wallenhorst

 

 

Die Namen der Familie:

Brune-Bruns-Bruning

Der Familienname Bruning ist eine Weiterbildung des altdeutschen Wortes “brun”, das Bär bedeutet. Als er in Wallenhorst auftaucht, geschieht das in der Form Brune, dann als Bruns, in den beiden letzten Jahrhunderten stets als Bruning. Die Endung “ing” bedeutet Sohn oder Nachkomme des Bruns. In den ältesten Eintragungen der Kirchenregister kommt der Name nicht vor. Zum ersten Mal erscheint er in einem Sterbeeintrag am 23. November 1721 von einem lutherischen Everhard Bruns, dessen Frau Juliana hieß. Der Geburtsname der Frau fehlt in dem Eintrag. Der Mann könnte 1684 geheiratet haben. Entweder hat er vor seiner Wallenhorster Zeit geheiratet, oder aber er ist in der katholischen Kirche in Wallenhorst nicht getraut worden. Wahrscheinlich ist er von außerhalb zugezogen, möglicherweise aus Damme. lm Jahre 1768 heiratete nämlich ein Herman Brune, wie ausdrücklich vermerkt ist, aus Damme ein Wallenhorster Mädchen. Waren die beiden verwandt? Kamen sie aus der gleichen Gemeinde? Ob hier ein Zusammenhang besteht, ist nicht nachzuweisen. Aber ist es Zufall, dass der jüngste Bruningsohn Franz, nachdem er das Elternhaus verlassen hatte, seinen Wohnsitz im Raum Damme nahm?

 

Bruns baut einen Kotten

Welchem Erwerb die Bruns in den ersten Generationen nachgegangen sind, darüber gibt es keine Hinweise. In dieser Zeit wird er in den Listen wiederholt als Markkötter geführt. Einmal ist er für eine kürzere Zeit auch als Pächter der Vogtei angegeben’ Zu dieser Stätte gehörten allerdings nur wenige Scheffelsaat Land einschließlich einem Hausgarten und meistenteils “Holzung”.


Brunings Kotten, Straßenfront

Eine solche Stelle reichte jedoch in keinem Falle aus, eine Familie zu ernähren, wenn nicht eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit bestand. Manche Wallenhorster Markkötter verdienten sich zusätzlich ein paar Schillinge als landesherrliche Briefträger, Radmacher, Bierbrauer oder Gelegenheitsarbeiter, günstigstenfalls als Schneider oder Schmied; andere zogen im Sommer als “Hollandgänger” in unser Nachbarland zur Erntearbeit, um mit den verdienten Talern über den Winter zu kommen. wie Bruning zu Gelde gekommen ist, bleibt unklar. Oder sollte er vielleicht doch schon früher in einem anderen angemieteten Kotten eine gutgehende Schankwirtschaft betrieben haben? Jedenfalls musste er sich einen größeren Geldbetrag verdient haben, um ein eigenes Haus bauen zu können. Das geschah dann um 1800 auf dem Bokholt, unmittelbar an der Chaussee Osnabrück- Bramsche, zwar nicht sehr feudal, aber im Gegensatz zu den Bauernhäusern, die damals noch ausschließlich Fachwerkbauten waren, aus Bruchsteinen. Hier betrieb er die dritte Wallenhorster Kneipe neben Kirchhof (vor der Kirche) und Kreyenbaum (später Bitter).


Brunings Kotten, Südseite

Nachdem Bruning später seine neue Wirtschaft, auf die wir noch ausführlich eingehen werden, gekauft hatte, verpachtete er Wohnung und Kneipe an einen Wirt, der bei einer späteren Volkszählung unter dem Namen Lahrmann eingetragen ist. Nach der napoleonischen Zeit vermietete er einen Teil des Hauses an die Geschäftsstelle der Vogtei, die in Wallenhorst nur noch durch 2 Untervögte und einen Schreiber vertreten war. Zuletzt bewohnte das Haus ein Schmied Nieporte, der auf dem Hofplatz eine Werkstatt errichtete. Nach seinem Tode war das Gebäude einige Zeit unbewohnt und bot zuletzt am Eingang zum Dorfe keinen erfreulichen Anblick mehr. lm Jahre l965 kaufte Heinrich Hardinghaus das Grundstück, ließ den alten Bau abreißen und baute auf dem Gelände sein Elektrogeschäft.

 

 

Das Vogteihaus

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts gab es die Vogtei Wallenhorst, welche die Kirchspiele Wallenhorst und Rulle umfasste. Die Vögte waren die ausführenden Vertreter der staatlichen Macht und wurden von der Landesregierung eingesetzt und vereidigt. Sie hatten für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen, Steuern einzuziehen, nach Übeltätern zu fahnden und sie ggf. festzunehmen, Gewichte und Maße zu überprüfen, die Ausbesserung der Straßen zu veranlassen, die Schützen der Vogtei zu drillen und im Einsatz zu befehligen. In der Regel wurden sie in Wallenhorst von 2 Untervögten aus der Gemeinde unterstützt. Von 1600 an wurden als Vögte fast ausschließlich ausgediente Soldaten höheren Grades mit dem Amt beauftragt. Ein solcher war in Wallenhorst Tönnies Helberg (1600-1618), der als Offizier bei der kaiserlichen Reiterei gedient hatte. Da in den Bauernhäusern des Kirchspiels kein standesgemäßes Unterkommen vorhanden war, musste ihm ein neues Haus für seine große Familie und die dienstlichen Aufgaben gebaut werden. Es war das erste Haus nach Abschluss der bäuerlichen Besiedlung. Es steht noch heute auf dem Bokholt und ist das jetzige Bruningsche Gebäude. Wie aus seinen verschiedenen Schreiben hervorgeht, hat Helberg selbst zum Bau von seinem “Verdienst und seinen geringen Ersparnissen zugeschossen”.

Er mag in seinen späteren Anträgen vielleicht seine Eigenleistungen stark übertrieben haben. Doch wenn man das Haus einmal genauer untersucht, muss man feststellen, dass alles geräumig, sehr solide und großzügig angelegt ist und darf dem Vogt schon glauben, dass er zusätzliches Geld in den Bau gesteckt hat. Er dürfte auch sehr bald nach seiner Anstellung das Haus bezogen haben.

 


Kellergewölbe

Schon 1604 stellt er beim Landesherrn und nochmals am 22. Juli 1611 den Antrag, ihm das Haus wegen seines beachtlichen eigenen Anteils an den Baukosten und mit Rücksicht auf seine schweren Verwundungen in den Kriegszügen und seine große Kinderschar erblich als Geschenk zu überlassen. Antworten der Regierung oder eine Zusage sind in den Archiven nicht zu finden. Aber als er am 4. August 1618 starb, gab es offenbar keinen Zweifel, dass das Anwesen sein Eigentum war.

Das zu dieser Zeit – in einem Dorfe ganz ungewöhnlich – aus Bruchsteinen erbaute Wohnhaus mit der alten Hausnummer 20 dürfte bis zum Verkauf im Jahre 1817 und darüber hinaus noch manches Jahr in seinem Kern unverändert geblieben sein. Keine Grundmauern oder andere Anzeichen deuten auf einen früheren oder späteren Um- oder Neubau hin. Massive alte Kellergewölbe unter den Wohnräumen dürften diese Auffassung bestätigen. Es könnte also wahrscheinlich in Alt-Wallenhorst noch von seinem Ursprung her in den alten Mauern bis in die Neuzeit so gut wie unveränderte älteste Wohnhaus sein.

In der Karte von 1786 wird die Stätte als “Helberg modo (oder) Bruns” bezeichnet. Bruns musste sie zu dieser Zeit, bevor er den Kotten baute, 30 Jahre vorher schon einmal gepachtet und vielleicht sogar auch darin eine Schankwirtschaft betrieben haben. Nachfolger im Amt wurde sein Sohn Jobst Helberg. Er hatte als Leutnant zu Pferde in der kaiserlichen Armee gedient, machte sich aber bei der Bevölkerung der Vogtei durch seine Schikanen so unbeliebt, dass er mehrmals bestraft und zeitweise seines Amtes enthoben wurde. Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, dass er das Vogteihaus seines Vaters bewohnt hat. Um weiteren Anklagen und möglichen Verurteilungen zu entgehen, meldete er sich wieder zur kaiserlichen Armee und verschwand aus Wallenhorst. Nach der Besetzung des Stifts im 30jährigen Krieg beauftragten die Schweden 1635 einen Wachtmeister, der in ihren Diensten stand, Justus Elverfeld, mit den Vogteigeschäften. Als die Schweden 1650 das Land verließen, zog er mit ihnen nach Dänemark.

Vermutlich hat auch er im Kriege seine Aufgabe in dem Helbergischen Hause wahrgenommen. Ein Sohn Elverfelds heiratete 1652 eine Tochter Helbergs. Einer ihrer Nachkommen war Osnabrücks berühmtester Sohn, der Staatsmann und Geschichtsschreiber Justus Möser. Von seinen 8 Urgroßeltern haben 2 und von seinen 16 Alteltern 4 im Vogteihause in Wallenhorst gelebt. spätere Vögte, die aus anderen Gemeinden kamen, blieben meist in ihrem Wohnort. 1716 wurden die Vogteigeschäfte dem Obervogt von Osnabrück übertragen, weil die kleine Wallenhorster Vogtei ein standesgemäßes Leben des staatlichen Vertreters nicht sicherstellen konnte. In den folgenden 100 Jahren dürfte das Haus verpachtet gewesen sein. Es gibt über diese Zeit keine Unterlagen.

Am 3. September 1817 wurde das ehemalige Vogteihaus an Johan Henrich Bruns öffentlich meistbietend verkauft. In dem Vertrag wird der Verkäufer ebenso wenig wie der letzte Pächter genannt. Aus dem ersten Abschnitt des Vertrages kann man jedoch schließen, dass der Erlös in die Kassen der zugehörigen Gemeinden geflossen ist. Aus dem ausführlichen Vertrag im folgenden einige Auszüge.

Der Kaufvertrag

Actum Osnabrück, den 3. September 1817

Nachdem der Verkauf des Vogteyhauses zu Wallenhorst in Gefolg des Antrages der Gemeinde Wallenhorst und Rulle von Königlicher Regierung zu Osnabrück mittels Rsti (Beschluß) vom 16ten Junius dieses Jahres bewilligt, der für heute dazu angesetzte Termin dreymal durch das Osnabrückische Wochenblatt und von den Cantzeln in Wallenhorst, Rulle, Bramsche, Engter, Belm, Wersen, Lotte und den 4 Stadtkirchspielen in Osnabrück bekanntgemacht worden; so ist damit verfahren, und wurden den anwesenden Kauflustigen nachfolgende Bedingungen vorher vorgelesen und bekannt gemacht:

Der Verkauf des Vogtey Hauses zu Wallenhorst geschieht unter folgenden Bedingungen:

1. Das Haus und die dazugehörigen sechs Scheffel an alten Garlen und Holzland und zwey Schaffel neuen Grunde werden verkauft, wie sie da sind, und wird für das Maas kein Gewähr geleistet.

2. Der beim Haus befindliche alte Schweinestall, das alte Backhaus, der Backofen im Hause, die Krippen und Raufen im Pferdestall, die Fenster und ein eingemauerter alter Schrank im Hause werden als Eigentum des jetzigen Pächters ebenso, wie dem Vogte als solchem zustehende und nicht zum Hause gehörende Markgerechtigkeit nebst dem in der Kirche zu Wallenhorst belegenen Kirchenstuhle nicht mit verkauft, jedoch bleibt dem Käufer unbenommen, sich wegen Überlassung der ersteren Gegenstände mit dem Pächter zu arrangieren.

3. Wenigstens die Hälfte des Kaufpreises muss nach Ablauf eines halben Jahres in grober Convetions Münze baar erlegt werden, und kann die zweite Hälfte nach dem Gutdünken des Käufers mit Vorbehalt einer halbjährigen Loskündigung unter Reservation des Eigentums und Bestellung der ersten Hypothek gegen jährliche nachträglich an den Vogt zu bezahlende Verzinsung mit 4 procent vorerst stehen bleiben, wobei dem Käufer zu mehreren Sicherheit des Verkäufers zur Pflicht gemacht wird, das Haus nach seinem Werthe in der Brandkasse versichern zu lassen.

4. Die Concession zur Wirtschaft wird nur in dem Falle erteilt, wenn der Käufer sich durch bisherige gute Führung dazu qualifiziert und wieder zurückgenommen, wenn derselbe sich durch Nichtachtung der Polizeigesetze und durch Beherbergung von schlechten Gesindel dazu unwürdig macht. Sofern dem Käufer ein Ausländer oder sonst nicht als zahl fähig hinreichend bekannt ist, ist derselbe verbunden, für die gehörige Erfüllung der ihm obliegenden Verbindlichkeiten einen annehmlichen Bürgen zu stellen.

5. Sofern der Zuschlag wegen Unzulänglichkeit des Bots (Gebot) heute nicht erfolgen sollte, bleibt der Letztbietende bis zur weiteren Entschließung an seinen Bot gebunden. 6. Sämtliche Kosten, die durch diesen Verkauf veranlasst werden, fallen dem Käufer zur Last.

Als hierauf von den Anwesenden verschiedene Kauflustige geboten und überboten worden ward, so wurde das Ganze dem Vogt Schwicker für den Johann Henrich Bruns zu Wallenhorst als Letztbietenden für die Summe von Eintausend siebenhundert und zehn Reichstaler zugeschlagen.

Konkurrenz

zwischen Wallenhorster Gaststätten

Wann Bruns in die gekaufte Stätte umgezogen ist und dort die Konzession erhalten hat, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Es muss jedoch sehr bald geschehen sein. Aber schon am 28. Februar 1821 starb der Wirt. Nun lag die ganze Last des Betriebes auf den Schultern seiner Witwe Catharina Elisabeth geb. Hörnschemeyer. Es war für sie nicht leicht, sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten. Es gab damals auf der kurzen Chausseestrecke im Bereich der jetzigen Pfarrkirche 3 konzessionierte Schankwirtschaften: eine in der bisherigen Bruningschen Stätte, der Vogtei, mit einem Pächter Lahrmann, Witwe Bruns auf dem Bokholt in der alten Vogtei und Kreyenbaum (jetzt Bitter).

Das Recht, Branntwein auszuschenken hatte jedoch nur Bruning. An der Chaussee gab es im vorigen Jahrhundert auf dem Boerskamp an einem Schwalenbergischen Kotten eine “Königliche Barriere”. Der Geldeinnehmer für die Straßengebühren namens Schrammeck war ein ausgedienter hannoverscher Dragoner, der außer seiner Pension noch einen Anteil aus den Wegegeldeinnahmen erhielt. Er nutzte aber auch den Umstand, dass alle Fuhrleute kurz vor der Bruningschen Wirtschaft halten mussten, um ihren Wegezoll zu entrichten, in seinem Wohnhaus zu bewirten, Zechgelage zu veranstalten und sogar Gäste zu beherbergen. Schrammeck verfügte über keine Konzession, schon gar nicht für Branntwein. Überdies durften nach dem Gesetz Wegegeldeinnehmer ohnehin keine Schänke betreiben. Die Witwe Bruning beauftragte mit ihren Interessen den Rechtsanwalt Klußmann in Bramsche und legte Beschwerde beim königlichen Amt in Osnabrück ein. Das Verfahren zog sich über fast 3 Jahre hin. Beteiligt waren außer den den Betroffenen auch der Vogt Schwicker und die Landdrostei (heute Regierungspräsident). Die Witwe Bruning benannte 10 Zeugen, vor allem aus dem Bramscher Raum, die das ungesetzliche Verhalten des Wegegeldeinnehmers beeidigen könnten. Das Amt zögerte die Sache hinaus und musste einen kräftigen Rüffel des Drosten einstecken, dass es seine Anweisungen nicht befolge. Das Amt reagierte ebenso scharf, dass derzeit eine ungewöhnlich hohe Arbeitsleistung angefallen und nur 2 Beamte für solche “unnützen Streitigkeiten” zur Verfügung ständen. Wie der Vogt wirklich zu der Sache gestanden hat, ist ziemlich unklar. Einmal scheint er die Auffassung der Witwe Bruning sachlich an die Behörde weitergeleitet zu haben, so dass dem Schrammeck schon einmal eine mögliche Entlassung aus dem Dienst angedroht worden war. Andererseits kann man den Arger des Vogts verstehen, dass ihm viele unnötige Wege zugemutet wurden.

Schrammeck wollte natürlich auf keinen Fall eine Dienstenthebung riskieren, aber auch nicht auf die Einnahmen aus dem Wirtschaftsbetrieb verzichten. So teilte er der Behörde mit, der Getränkeausschank werde nur von seiner Frau und Tochter vorgenommen, Ein Gewerbeschein, den er sich erschlichen hatte, wurde sehr bald wieder eingezogen. In der letzten Verhandlung versuchte er noch, sich mit der Ausrede zu rechtfertigen, er habe lediglich Kriegskameraden und Freunde, die ihn besucht hätten, gratis bewirtet, wie das auch bei seinen Besuchen und Reisen zu seinen Bekannten üblich sei. Schließlich gestand er sein gesetzwidriges Verhalten ein und bat nur noch um eine “gnädige” Bestrafung. Ob der Beklagte auch die von der Klägerin geforderten Kosten und den entstandenen wirtschaftlichen Schaden bezahlen musste, geht aus den vorhandenen Akten nicht hervor.

 


Kataster - Auszug 1878

Etwa ein Jahr nach Beendigung des Streits sah sich die Drostei veranlasst, die Witwe Bruning schriftlich zu belehren, dass ihr für eine Konzession kein Privilegium zustehe und sie gegen Einrichtung neuer Schankwirtschaften keinen Einspruch einlegen könne. Was diesem Bescheid zugrunde lag, ließ sich nicht ermitteln.

Es geht aufwärts

Branntwein – aus Wein hergestellt und aus den Weinbaugebieten eingeführt – hatte es schon seit dem 16. Jahrhundert in unserm Lande gegeben. Aber er war teuer, für die ärmeren Schichten zu teuer. Nachdem seit 1821 in Osnabrück die ersten Kornbrennereien entstanden waren, nahm der Verbrauch an “scharfen” Getränken enorm zu, obwohl Behörden und Kirchen warnten. Ein Liter Kornbranntwein kostete 1880 nur 80 Pfennig. Früher hatten nur Bruning und Kirchhof (im alten Dorf) die Genehmigung, Branntwein auszuschenken. Jetzt konnte jeder kleine Kolonialwarenhändler das billige Getränk verkaufen. Um die Mitte des Jahrhunderts wurden überall und mit Erfolg kirchlicherseits Mäßigkeitsvereine gegründet. Der damalige Wallenhorster Kaplan Bätsche, der sich um die frei gewordene Pfarrstelle bewarb, führte in seiner Bewerbung an, dass es dank seines Einsatzes in der Gemeinde nur noch einen “Säufer” gebe. Auch der Bierkonsum dürfte in den wirtschaften zurückgegangen sein durch eine Verordnung, dass die Schankstätten abends um 9 Uhr schließen müssten. All das wirkte sich auf sämtliche Gasthäuser aus. Da nutzte es Bruning auch nicht viel, dass er die Genehmigung erhielt, auf der Wallenhorster Kirmes einen Stand zu unterhalten. Auch als er von der Verpflichtung entbunden wurde, auf Anweisung des Gemeindevorstehers Handwerksburschen zu beherbergen, war das keine entscheidende Verbesserung seiner Lage.

Der Aufschwung kam durch die Veränderung und Verbesserung der allgemeinen wirtschaftlichen Situation. Das Königreich Hannover schloss sich dem Deutschen Zollverein an. Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt; jeder Handwerker und Kaufmann konnte kaufen und verkaufen, wo er wollte. Der Verkehr von Geschäftsleuten und anderen Reisenden nahm erheblich zu. Die Postkutsche, die die Strecke Osnabrück – Lingen befuhr, hat nicht nur bei Bruning gehalten, sondern auch die Gespanne dort untergebracht und versorgt.

Am Piesberg wuchs die Zahl der Bergleute, und immer mehr Fuhrleute fuhren in die Städte und die Dörfer, um die “schwarzen Diamanten” zu den Kohlenhändlern und in die Wohnhäuser zu bringen. Bei Bruning konnten sie den Kohlenstaub aus der Kehle “spülen”. Andere Fuhrleute hielten mit ihren Planwagen vor der Gaststätte, um in Osnabrück bestellte Güter für das Kirchspiel abzuladen, die Pferde zu füttern, sich selbst zu stärken und auch vor der Weiterfahrt ins Bersenbrückische und ins Emsland zu übernachten. Bereits in der 1834 erneuerten Konzession wurde dem Wirt die Verpflichtung auferlegt, für 4 Pferde ständig eine Einstellmöglichkeit vorzuhalten. Zumindest in 2 weiteren Schankstätten gab es damals kaum freie Plätze für Pferde und schon gar nicht Betten zum Übernachten. Ob Bruning damals schon, oder in den späteren Jahren in Befolg der Vorschrift den vor etlichen Jahren abgerissenen und 1974 durch Garagen ersetzten Fachwerk-Pferdestall gebaut hat?

Bei dem ganzen Reise- und Güterverkehr kam dem Wirt auch die günstige Lage an der schon lange ausgebauten Chaussee besonders zugute. Auch aus der eigenen Gemeinde wuchs die Zahl der Besucher in dem Gasthaus, um dort Geld einzuzahlen oder in Empfang zu nehmen. Schon der Vater des letzten Eigentümers führte die Kasse der Gemeinen Mark von Wallenhorst und Lechtingen, zog die fälligen Umlagen ein und zahlte den Mitgliedern für geleistete Dienste die Löhne. Er erhob die Prämien für die verschiedenen Tierversicherungen (Pferde, Kühe) und entschädigte die Betroffenen.


Ausspann um 1900

Bruning war Mitglied des Kirchenvorstandes, der in dem Hause seine Versammlungen abhielt. Als solcher hat er sicher nicht dem Vorschlag widersprochen, die neue Pfarrkirche auf dem Bokholt zu errichten, und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, auf der Flachshütte. Mancher Lechtinger und auch Wallenhorster, die jetzt auf dem Kirchwege an dem Hause vorbeikamen oder dort ausspannten, hat sicher den Frühschoppen an seiner Theke genommen. Als Grundstücksbesitzer hatte Bruning natürlich auch Sitz und Stimme in der Gemeindeversammlung. Als in den Jahren 1860-1870 in Osnabrück eine heftige Diskussion geführt wurde, ob die Eisenbahnlinie nach Norden östlich oder westlich des Piesbergs verlaufen solle, beantragte er, die Gemeinde solle sich für die Trassenführung über Wallenhorst einsetzen, wahrscheinlich in der Erwartung, seine Gaststätte könnte dann Bahnhofswirtschaft werden.

Die Posthalterei

Ein Bahnhof zusammen mit einer Post, das musste für den Wirt natürlich ein erstrebenswertes Ziel gewesen sein. Als Posthalter wird offiziell nur Franz Heinrich Bruning geführt. Seine Vorgänger wurden als “Postagenten” bezeichnet. Mit Sicherheit haben die Brunings der beiden letzten Generationen die Posthalterei innegehabt. Die landesherrlichen Briefträger, die im 17. und 18. Jahrhundert die Mitteilungen der Vögte, Ämter und aller andern Behörden zu überbringen hatten und denen für die zurückzulegende Strecke ohne Berücksichtigung der Entfernung ganze 6 Pfennig Lohn zustanden, waren in der napoleonischen Zeit von ihren Pflichten entbunden worden. Daraufhin hatten sich auf privater Basis sogenannte “Kontore” oder auch ,”Agenturen” gebildet, die den Postverkehr für alle Einwohner übernahmen. sie setzten an günstig gelegenen Orten Männer ihres Vertrauens ein. Man kann wohl davon ausgehen, dass bald nach Inbetriebnahme der Postkutschenlinie Osnabrück – Lingen im Jahre 1818 auch in Wallenhorst eine solche Annahme- und Verteilerstation eingerichtet wurde. Sie könnte wohl kaum an einer andern Stätte als im “Gasthof zur post” gewesen sein. Die Bezeichnung “Postagent” blieb noch bis 1900 unverändert, obwohl es längst eine “Reichspost” gab. Die Gaststätte war bis in die neueste Zeit die einzige Stelle im Kirchspiel, wo man postalische Dienste in Anspruch nehmen konnte. Dai bedeutete lange Wege für die Leute vom Gruthügel und der Barlage, wenn man Pakete verschicken oder Geldüberweisungen vornehmen wollte.

 


Gesamtanlage der Gebäude 1915

Einzelheiten des früheren Postwesens waren selbst in dem Archiv der Bundespost nicht zu erfahren, da der größte Teil der alten Akten durch den Bombenkrieg vernichtet wurde. Nach dem Tode von Franz Bruning übernahm seine Tochter Maria Böhmer von 1953 bis 1962 die Leitung der Wallenhorster Posthalterei. Nach einer Übergangszeit, während der die Postverwaltung in Hollage untergebracht war. wurde vor einigen Jahren ein neues Postgebäude an der Großen Straße errichtet.

Zeit der Investitionen

Die alte Vogtei war vor allem in den letzten 100 Jahren dank der günstigen Lage an der verkehrsreichen “königlichen Straße” in unmittelbarer Nähe zur Kirche, durch die Posthalterei und seine Tätigkeit in verschiedenen Ämtern nicht nur zu einem allgemeinen Treffpunkt aller Bevölkerungsschichten des Dorfes und des ganzen Kirchspiels geworden, sondern hatte ihm auch beträchtlichen Gewinn eingebracht. Nach der Übernahme des Hauses mit sehr geringem Grundbesitz hatte er nach und nach ringsum und bis hin zum Hollager Berg zahlreiche Ländereien erworben. Dadurch wurde es erforderlich, landwirtschaftliche Nebengebäude zu errichten. Zur Nordseite hin erweiterte Bruning das Haus um einen Kuhstall und baute abseits hinter der Wohnung einen Schweinestall, offenbar beides noch vor der Jahrhundertwende, zuletzt noch (im Jahre 1915) eine Scheune, in der jetzt eine Ausstellung für Kaminanlagen und Fliesen untergebracht ist. Er muss gut verdient haben, dass er noch selbst größere Geldbeträge ausleihen konnte und sein Vermögen durch Zinseinnahmen mehrte. Da war es für Bruning sicher kein großes Opfer, dass er der Kirchengemeinde für den Neubau einer Kaplanei ein größeres Grundstück auf dem Bokholt schenkte.

 


Südseite des aufgestockten Hauses


Frühstücksraum


Blick in Gästezimmer

Im Innern des alten Vogteigebäudes hat es in den früheren Jahren wohl hin und wieder kleine Veränderungen und Verbesserungen gegeben. Aber 1899 war die Zeit gekommen, die Gaststätte dem Stil und den Erfordernissen der gewandelten neuen Zeit anzupassen.

 


Gästeraum nach Renovierung 1966


Goldene Hochzeit 1952

Vor der Hochzeit des letzten Erben wurde die Wohnung um 2 Räume erweitert, auf der ganzen Südseite ein zweites Stockwerk gesetzt und über die ganze neu gewonnene Fläche für 208 Personen ein Saal und 3 zusätzliche Gästezimmer eingerichtet. Für den Postdienst wurden 2 heizbare Räume von dem Kuhstall abgezweigt. Um die gleiche Zeit dürfte wohl auch das Bruchsteinmauerwerk des ganzen Gebäudes durch Plattenbelag verkleidet worden sein.

Das Ehepaar Franz Bruning und Elisabeth geb. Offers konnte 1952 noch das Fest der Goldenen Hochzeit feiern. Nach ihrem Tode gelangte das Erbe in den Besitz eines Enkels, der viel investiere und die ehemalige Vogtei zu einer vorbildlichen Gaststätte und einem modernen Hotelbetrieb modernisierte. Der Name Bruning ist allerdings in dieser historischen Stätte voraussichtlich für immer erloschen. K.J.

 


Gasthof Zur Post in Wallenhorst